
Tutto Bene, FAT Mankei, Meyers Manx Café — drei Orte zeigen, wie Kulturerbe neu erzählt wird. Leicht behandelt, präzise, jenseits jeder Form.
Die alte Frage, was ein Sportwagen-Event eigentlich ist, lässt sich derzeit am ehrlichsten beantworten, indem man sich anschaut, wo die interessantesten Menschen einer Szene auftauchen — und welche dieser Orte sich am hartnäckigsten der Kategorisierung entziehen. Drei davon sind in den letzten zwei Jahren entstanden. Keiner ist ein klassisches Event. Keiner ist nur eine Location. Was sie verbindet, ist eine Haltung: Heritage als Material verstehen, nicht als Inventar.
Es ist eine Verschiebung, die in Marketingdecks unsichtbar bleibt und in der Wahrnehmung der Driver längst stattgefunden hat. Die OEM-Events der letzten Dekade haben sich nicht abgenutzt, weil ihre Produkte schwächer geworden wären. Sie haben sich abgenutzt, weil ihre Choreografie vorhersehbar wurde. Wer heute in dieser Szene Aufmerksamkeit gewinnt, tut das mit kleineren Gesten: einer ehemaligen Tankstelle, einer Berghütte, einer Bergstraße. Drei Orte, die ihre Form noch suchen — und die genau in dieser Unfertigkeit ihre Anziehung entwickeln.
An zwei Tagen im September verwandelt sich die Strada Borromea, jene private Straße, die von Gignese hinauf zum Mottarone führt, in eine Mischung aus Hillclimb und Dorffest. Girlanden im Wind. Espressotassen auf weißen Tischtüchern. Aperol Spritz. Ein SF90 driftet durch eine Haarnadel, das Publikum applaudiert nicht wie an einer Rennstrecke, sondern wie auf einer Piazza in Mailand — höflich, neugierig, mit einem leisen Sinn dafür, dass das hier kein Wettkampf ist.
Tutto Bene ist die gemeinsame Arbeit des Mailänder Designstudios BorromeoDeSilva und der kalifornischen Agentur Race Service. Die erste Ausgabe lief 2024, die zweite im September 2025 mit Alfa Romeo als Hauptpartner und einem Auftritt der Maserati GT2 Stradale, deren Nettuno-V6 die Bergluft präziser zerschneidet, als jeder Trailer es nahelegen würde. Rund 80 Autos werden geladen. Es gibt keine Zeitnahme, keine Klassifikation, kein Treppchen. Das Motto, gesetzt von den Kuratoren: Slow Down to Go Fast.
Es ist diese Umkehrung, die das Format trägt. Ein Hillclimb funktioniert hier nicht als Wettstreit, sondern als Anlass — der ältere Cousin des italienischen Dorffestes, das man auch besucht, wenn man niemanden im Festzelt kennt. Eine Jaguar D-Type rollt an einem XJ220 vorbei. Niemand misst, niemand vergleicht. Es genügt, dass die Autos da sind und dass die Menschen, die mit ihnen kommen, einander erkennen.
Der Curator-Move ist hier offensichtlich: Geschwindigkeit wird zum dramaturgischen Element zurückgeführt, nicht zum Selbstzweck erklärt. Das ist keine kleine Geste. Es ist eine Korrektur.
Knapp 600 Kilometer nordöstlich, auf der Grossglockner-Hochalpenstraße, hat Ferdinand Porsche im Mai 2023 die FAT Mankei eröffnet. Der Name kommt aus dem österreichischen Dialekt und bezeichnet das Alpenmurmeltier. Die Architektur stammt von Porsche selbst, gemeinsam mit Steiner Architecture entwickelt: zwei Gebäude aus geschichtetem Naturholz, das in unterschiedlichem Tempo altern wird, dazu ein Pavillon mit gegittertem Glas — damit die Vögel nicht hineinfliegen.
Die Hochalpenstraße ist die Straße, auf der die frühesten Porsche-Modelle erprobt wurden. Es war diese Region, in der die Familie Wurzeln schlug. Die Mankei ist deshalb kein Markenzentrum und keine inszenierte Heritage-Bühne. Sie ist ein Treffpunkt — Restaurant und Café im Hauptgebäude, im Pavillon eine wechselnde Fahrzeugausstellung. Was sich daraus entwickelt hat, war nicht geplant: Eine Szene, die zu keinem offiziellen OEM-Event mehr fährt, kommt hierher.
Der Merchandise, der unter dem Label FAT International läuft, hilft dabei. Limitiert, präzise gemacht, oft in Zusammenarbeit mit Häusern wie Porsche Design — eine eigene Chronograph-1-Edition mit Mankei-Band gehört zu den jüngeren Ausgaben. Die Logik ist die einer Boutique in SoHo, nicht eines Fanshops am Rennstreckenausgang. Wer ein Stück mitnimmt, nimmt eine Spur des Ortes mit, nicht eine Werbefläche.
Was die Mankei interessant macht, ist nicht die Architektur allein. Es ist die Tatsache, dass eine Familie, die ein industrielles Erbe von dieser Größe trägt, an einem ererbten Ort kein Mausoleum baut, sondern einen Raum, in dem die nächste Generation einander begegnet. Das ist Heritage-Arbeit, die zurücktritt.
Der dritte Ort liegt am Eingang von St. Moritz. Eine alte Shell-Tankstelle, deren Putz blätterte, deren Fensterläden hingen, deren Pumpe noch lief. Sie wurde 2023 zur Außenstelle des Meyers Manx Café — jenem kalifornischen Konzept, das Phillip Sarofim seit seinem Erwerb der Dünenbuggy-Ikone Meyers Manx zu einer kleinen Geografie von Treffpunkten ausgebaut hat.
Die Schweizer Variante ist die strengste. Innen wurden Apothekenmöbel aus Leipzig eingebaut, ein Stück Mobiliar mit hundert Jahren Patina. Draußen tankt man weiterhin: Shell V-Power, hundert Oktan, an einer Säule, die ihre Funktion behalten hat. Donnerstag bis Sonntag, neun bis siebzehn Uhr. Im Winter ist es der Pflichtstopp für die Teilnehmer des The ICE auf dem zugefrorenen St. Moritzer See — eine Begegnung, die nicht auf dem Programm steht, aber jedes Jahr zuverlässig stattfindet.
Was an dieser Tankstelle stimmt, ist die Doppelfunktion. Sie ist nicht Café mit Tankstellen-Dekor. Sie ist beides — die Maschine und der Raum, in dem über die Maschine gesprochen wird, in einem Gebäude. Heritage wird hier nicht zitiert. Sie wird benutzt.
Drei Orte, drei Geografien, drei sehr unterschiedliche Eingangshöhen. Was sie verbindet, ist nicht ein Stil — Mailänder Spätsommer, Hochalpenholz und kalifornische Apothekenmöbel haben optisch wenig miteinander zu tun. Was sie verbindet, ist eine Methode.
Erstens: Heritage als Rohstoff, nicht als Reliquie. Die Strada Borromea, die Grossglockner-Hochalpenstraße, eine verlassene Shell-Tankstelle — alles drei sind vorgefundene Substanzen, die ein neues Programm bekommen, ohne sich neu zu verkleiden. Zweitens: keine VIP-Logik. Keine Samtkordel, kein Türsteher, kein abgestufter Zugang. Die Filterung passiert über Interesse, nicht über Anspruch. Drittens: Die Curator-Handschrift bleibt erkennbar. Bei Tutto Bene heißen die Kuratoren BorromeoDeSilva und Race Service, an der Mankei heißt der Kurator Ferdi Porsche, im Manx Café St. Moritz ist das Konzept selbst der Kurator. In allen drei Fällen weiß man, wer entschieden hat — und genau das ist es, was die Orte trägt.
Es ist nicht der Trick, eine Tankstelle umzubauen oder eine Hütte neu zu denken oder eine alte Bergstraße zu mieten. Es ist die Entscheidung, das Format offenzulassen. Nicht ganz Event. Nicht ganz Ort. Genau die Lücke, in der die nächste Generation der Driver gerade ihren Platz findet.
Wer noch nicht da war, sollte fahren. Wer schon einmal da war, weiß, dass sich beim zweiten Mal mehr ergibt als beim ersten. Es liegt in der Natur dieser Orte: Sie verbessern sich, indem man sie besucht.

Philipp Lauterbach ist Gründer von DRIVTO, der kuratierten Identitäts- und Discovery-Plattform für die europäische Sportwagen-Szene. Mit Sitz in Düsseldorf baut er seit August 2018 Sportwagen-Communities — zuerst über das Cars+Coffee-Format in Düsseldorf, Köln, Berlin, Mönchengladbach und auf Sylt, seit Mitte 2024 in Form von DRIVTO als Plattform mit eigenem Editorial-Magazin und proprietärer DriverDNA-Methodik.
Sein Weg in die Sportwagen-Welt begann mit einer Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann in einer Mercedes-Benz-Händlergruppe. Es folgten Marketing-Verantwortlichkeiten bei Ferrari und Maserati in Düsseldorf, wo er zu einer der prägenden Marketing-Stimmen dieser Marken in Deutschland seiner Zeit wurde. Aus dieser Phase erwuchs auch der direkte Kontakt zur Cars+Coffee-Bewegung — und das Faible für italienische Wagen, das ihn bis heute prägt. Ferrari und Pagani stehen seitdem im Zentrum dessen, was er als Driver selbst sucht.
Vor DRIVTO baute er die Cars+Coffee-Stationen in mehreren deutschen Städten auf — eine eigenständige Event-Reihe, die in ihrer aktivsten Phase mehr als 1.500 Sportwagen-Fahrer in DACH vernetzte. Aus dieser Basis entstand die heutige DRIVTO-Driver-Community. Sein Editorial-Schwerpunkt liegt auf den Pillars Cars Connect People (persönliche Founder-Voice, Driver-Geschichten) und State of the Scene (datenbasierte Markt-Analysen, Industry-Essays).