
Fuori Concorso 2026 brachte 72 Autos, sechs Weltpremieren und Helmut Newton an den Comer See. Recap von zwei Tagen, an denen das Wetter im richtigen Moment aufklärte.
Am Freitagnachmittag, dem 15. Mai, hing über dem Comer See noch das, was die Lombarden höflich una pioggerella nennen — feiner Nieselregen, der einem klassischen Open-Air-Format eigentlich die Stimmung verleidet. Am Samstagmorgen kippte die Wetterlage. Als die Tore von Villa del Grumello und Villa Sucota öffneten, lag die Sonne flach über dem Wasser, die Steinmauern dampften kurz aus, und das, was die Veranstalter dieses Jahr KraftMeister genannt hatten — eine Hommage an die deutsche Auto-Tradition — bekam genau das Licht, das es brauchte.
Wer dabei war, weiß, dass Fuori Concorso nicht die richtige Bühne ist, um in Eile zu sehen. Das ist die erste und vielleicht wichtigste Differenz zum parallel laufenden Concorso d'Eleganza Villa d'Este: hier gibt es keine Klassen, keine Jury-Runden, keinen festen Zeitplan. Drei Villen, ein loser Rundweg, zwei Tage. Wer den Tag auf sich zukommen lässt, statt ihn abzuarbeiten, findet hinter jeder Hecke etwas, von dem die anderen erst hinterher reden.
Das Thema klang in den Ankündigungen breit. Auf den Wiesen war es scharf gestellt. Porsche brachte einen Block, der dem aufmerksamen Besucher kurz den Atem nahm: 908 LH, 917 LH und 962, drei Endurance-Ikonen nebeneinander, dazu — separat platziert — der 1971er 911 2.6 ST als Ausgangspunkt eines luftgekühlten Programms. Wer schon einmal versucht hat, diese Autos einzeln auf einer Veranstaltung zu sehen, weiß, was es heißt, sie zusammen vor sich zu haben.
Audi spielte im Park der Villa Sucota einen anderen Ton: eine Zeitleiste auf einer einzigen Wiese, vom Sport Quattro über den 90 Quattro IMSA GTO und den R18 e-tron quattro bis zum 2026er Formel-1-Wagen. Past, Present und Future in zwanzig Metern, ohne Erklärtafel-Routine. Mercedes-Benz stellte den 190E 2.5-16 Evo und Evo II neben HWAs moderne Interpretation — ein Setup, das die DTM-Generation sofort verstand und die jüngeren Besucher in eine Diskussion zwang, die sich auf Instagram noch tagelang fortsetzte.
Der kulturelle Anker des Wochenendes lag fünf Minuten weiter. Im Garten der Villa Olmo eröffnete die Helmut Newton Foundation gemeinsam mit Larusmiani die Ausstellung Helmut Newton — Cars: zwanzig großformatige Tafeln, die zum ersten Mal Newtons Beziehung zum Automobil als eigenständiges Werk zusammenfassen. Aufnahmen aus über vier Jahrzehnten, von der Mitte der fünfziger Jahre bis 2001, kuratiert von Matthias Harder. Open-Air. Tagsüber und abends zugänglich, von 7 bis 23 Uhr, kostenfrei.
Es war die Klammer, an die viele Besucher den Tag hängten — vor oder nach den Villen, mit Cappuccino in der Hand oder ohne. Newton hatte vom Comer See aus gearbeitet, von den siebziger Jahren an. Villa Olmo war nicht zufällig das Gefäß. Die Ausstellung läuft bis zum 30. Juni. Wer sie nicht am Wochenende gesehen hat, kann das nachholen. Aber nicht in dieser Atmosphäre, nicht mit dem Rauschen der Carrera GTs aus der Nachbar-Villa.
Sechs Weltpremieren wurden gezählt. Die zentrale stand bei Brabus: das BODO Gran Turismo Coupé, das die Marke selbst als natürliche Evolution beschreibt — von extremer Verfeinerung hin zu Coachbuilding im engeren Sinn. Wer die Brabus-Linie der letzten zehn Jahre kennt, erkannte die strategische Verschiebung sofort. Wer sie zum ersten Mal sah, fragte sich, warum dieses Auto nicht in Pebble Beach debütiert.
Daneben Gemballa, mit dem Mirage GT auf Basis des Porsche Carrera GT — extremes Tuning-Statement von 2010, das in dieser Inszenierung zwischen den Werks-Hochkarätern eine erstaunliche Würde bekam. Koenig Specials dazu. Und der Mercedes-Benz 300 CE 6.0 AMG, der Hammer, der Wagen, der Achtzigerjahre-Tuner-Kultur überhaupt erst definiert hat. Bizzarrini, als italienischer Kontrapunkt zum deutschen Thema, debütierte ebenfalls — ein bewusst gesetzter Riss in der Kuration, der die Wiese atmen ließ.
Auf dem Rückweg über den See sieht man im Idealfall noch die letzten Wimpel des Concorso d'Eleganza Villa d'Este vom anderen Ufer. Dort ist das Programm strenger, die Jury wird gehört, der BMW 328 hat dieses Jahr Best of Show geholt. Es ist eine andere Form von Auto-Liebe — institutionell, kompetitiv, mit klar verteilten Rollen. Fuori Concorso ist das Gegenstück, nicht der Gegner: keine Klassen, keine Pokale, kein Dresscode-Imperativ. Wer in Sneakern kommt, wird genauso angesprochen wie wer im Anzug kommt. Die Filterung passiert über Interesse, nicht über Auftreten.
Genau diese Lockerheit ist das, was wir an dem Format am meisten schätzen. Man kann sich treiben lassen. Man entdeckt in jeder Ecke etwas Neues — eine Bartheke neben einem 962, einen Designer im Gespräch über die HWA-Studie, eine Newton-Tafel zwischen zwei Hecken, die man sonst übersehen hätte. Das ist nicht der Effekt einer perfekten Choreografie. Es ist der Effekt eines Vertrauens darauf, dass die Besucher selbst entscheiden, was sie als nächstes interessiert.
Die Zahl, an die wir uns am Ende erinnern, ist nicht 72 (Autos) oder 6 (Premieren) oder 16 (automotive Partner). Es ist die Anzahl der Gespräche, die nebenbei stattfanden. Zwischen Sammlern und Konstrukteuren. Zwischen Studierenden und Werksvorständen. Zwischen Generationen, die sonst getrennte Veranstaltungen besuchen würden. Eine Newton-Tafel als Anlass, ein Mirage GT als Ausrede, ein Cappuccino als Pause dazwischen.
Das sind die Momente, die Social Media nicht abbildet. Sie sind der eigentliche Inhalt dieses Formats.
Wer dieses Jahr nicht da war: Die Newton-Ausstellung in Villa Olmo steht noch bis Ende Juni. Die Wiesen der Villa del Grumello sind danach wieder Wiesen, bis im Frühjahr ein neues Thema kommt. Wir vermuten, dass 2027 schon irgendwo zwischen zwei Tisch-Espressi besprochen wurde, an dem Wochenende, das gerade hinter uns liegt. Wer dann dabei sein will, sollte sich den Mai vormerken.

Philipp Lauterbach ist Gründer von DRIVTO, der kuratierten Identitäts- und Discovery-Plattform für die europäische Sportwagen-Szene. Mit Sitz in Düsseldorf baut er seit August 2018 Sportwagen-Communities — zuerst über das Cars+Coffee-Format in Düsseldorf, Köln, Berlin, Mönchengladbach und auf Sylt, seit Mitte 2024 in Form von DRIVTO als Plattform mit eigenem Editorial-Magazin und proprietärer DriverDNA-Methodik.
Sein Weg in die Sportwagen-Welt begann mit einer Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann in einer Mercedes-Benz-Händlergruppe. Es folgten Marketing-Verantwortlichkeiten bei Ferrari und Maserati in Düsseldorf, wo er zu einer der prägenden Marketing-Stimmen dieser Marken in Deutschland seiner Zeit wurde. Aus dieser Phase erwuchs auch der direkte Kontakt zur Cars+Coffee-Bewegung — und das Faible für italienische Wagen, das ihn bis heute prägt. Ferrari und Pagani stehen seitdem im Zentrum dessen, was er als Driver selbst sucht.
Vor DRIVTO baute er die Cars+Coffee-Stationen in mehreren deutschen Städten auf — eine eigenständige Event-Reihe, die in ihrer aktivsten Phase mehr als 1.500 Sportwagen-Fahrer in DACH vernetzte. Aus dieser Basis entstand die heutige DRIVTO-Driver-Community. Sein Editorial-Schwerpunkt liegt auf den Pillars Cars Connect People (persönliche Founder-Voice, Driver-Geschichten) und State of the Scene (datenbasierte Markt-Analysen, Industry-Essays).